Ankommen im Martelltal

Es gibt Orte, die einen sofort in ihren Bann ziehen – das Martelltal in Südtirol ist definitiv einer davon. Kaum hatten wir das Auto geparkt und die Rucksäcke geschnallt, empfing uns eine Landschaft wie aus einem Bilderbuch: sattgrüne Almwiesen, ein plätschernder Gebirgsbach und im Hintergrund die imposante Silhouette der Ortler-Alpen. Die Luft schmeckte nach Freiheit und frisch gemähtem Gras – und vielleicht ein kleines bisschen nach Kuh, denn die Vierbeiner hatten die Wiesen fest im Griff.

Wir starteten unsere Tour voller Energie und guter Laune, was man auf unseren ersten Selfies wohl deutlich erkennen kann. Zwei Wanderer, eine Mission: das Madritschjoch auf 3123 Metern zu erreichen. Dass wir dabei aussehen würden wie aufgedrehte Kinder auf dem Spielplatz – geschenkt. Die Berge machen einen eben einfach glücklich.

Durch die Alm – mit Kuhglocken im Ohr

Der Weg durch die Alm des Martelltals gehört zu den schönsten Abschnitten dieser Tour. Ein sanft geschwungener Pfad führt entlang eines kristallklaren Baches, flankiert von Hunderten grasender Kühe. Das rhythmische Läuten der Kuhglocken begleitet jeden Schritt wie eine natürliche Bergmelodie. Man hat das Gefühl, die Zeit selbst hält hier inne.

Die Vegetation ist üppig und bunt: Alpenrosen, Enzian und wilde Kräuter säumen den Weg. Die Bergketten im Hintergrund – teils noch mit Schneeresten bedeckt – bilden eine dramatische Kulisse, die mit jedem Höhenmeter eindrucksvoller wird. Bereits in diesem unteren Teil der Tour war klar: Diese Wanderung wird unvergesslich.

Wer Zeit hat, sollte sich diesen Abschnitt besonders genüsslich einteilen. Picknickpause am Bach inklusive – das ist keine Option, das ist Pflicht.

Der Anstieg zum Madritschjoch

Nach den idyllischen Almwiesen wird die Landschaft rauer, karger und wilder. Der Pfad steigt spürbar an, das Grün weicht dem grauen Fels, und die Luft wird dünner. Hier beginnt das eigentliche Abenteuer. Steinige Serpentinen winden sich den Hang hinauf, gelegentlich braucht man die Hände zur Unterstützung – aber das gehört dazu und macht den Gipfel am Ende umso begehrter.

Nach einem schweißtreibenden Anstieg, bei dem wir mehrfach stehen blieben – natürlich nur wegen der Aussicht, nicht wegen des Schnaufens – stand plötzlich das Gipfelschild vor uns: MADRITSCHJOCH – 3123m. Auf Deutsch und Italienisch (Passo del Madriccio) eingraviert, thront es auf dem felsigen Grat wie ein stiller Zeuge unzähliger Gipfelabenteuer.

Das Gefühl in diesem Moment ist schwer in Worte zu fassen. Stolz, Erleichterung, pure Freude – und ein Grinsen, das man einfach nicht abstellen kann.

Gipfelglück auf 3123 Metern

Oben angekommen, empfängt einen ein 360-Grad-Panorama der Extraklasse. Die Ortlergruppe reckt ihre Gipfel in den tiefblauen Himmel, Gletscher schimmern in der Ferne, und weit unten erkennt man die winzigen grünen Almflächen, durch die wir noch vor Stunden gewandert sind. Der Wind pfeift kräftig um die Ohren – auf 3123 Metern ist das keine Überraschung – aber er verleiht dem Moment eine zusätzliche epische Note.

Natürlich wurde das obligatorische Gipfelfoto gemacht. Und noch eines. Und noch ein Selfie mit dem Schild, bei dem das Schild halb das Gesicht verdeckt – Klassiker. Der kleine Spinne auf dem Holzpfahl hat sich übrigens ebenfalls verewigt. Willkommen im Club der Madritschjoch-Bezwinger, kleines Tier.

Der Abstieg zurück ins Tal war ruhiger, nachdenklicher – wie das immer so ist nach einem Gipfelerlebnis. Der Blick zurück auf das Madritschjoch, hoch oben auf dem Grat, ließ uns noch einmal kurz innehalten. Was für ein Tag.

Zwischen Almwiesen und Gletscherblick: Der Weg hinauf zum Madritschjoch

Der Aufstieg zum Madritschjoch beginnt sanft, fast täuschend idyllisch. Breite Schotterwege schlängeln sich durch weite Almböden, gesäumt von sattgrünem Gras und vereinzelten Felsblöcken, die wie hingestreute Riesen in der Landschaft liegen. Der Himmel über dem Martelltal zeigt sich von seiner dramatischsten Seite: tiefes Kobaltblau, durchzogen von zarten Schleierwolken, die wie Pinselstriche über das Firmament gezogen wurden. Wer hier wandert, versteht sofort, warum Südtirol Bergsteiger aus aller Welt in seinen Bann zieht.

Mit jedem Höhenmeter öffnet sich das Panorama großzügiger. Blickt man zurück ins Tal, erahnt man die majestätische Gletscherwelt der Ortlergruppe, deren silbrig-weiße Zungen aus dem dunklen Felsgestein hervorleuchten. Der Weg wird schmaler, das Gelände karger, die Luft spürbar frischer. Schotterhalden und graue Felswände dominieren nun das Bild – die Hochalpenwelt in ihrer reinsten, ungeschminkten Form.

Ein besonderes Highlight auf dem Weg nach oben: die Begegnung mit den Almkühen des Martellertals. Mit ihren bronzefarbenen Fell, weit geschwungenen Hörnern und baumelnden Kuhglocken liegen sie entspannt im Gras, als wäre die atemberaubende Kulisse der Dreitausender hinter ihnen vollkommen selbstverständlich. Eine von ihnen blickt den Wanderer neugierig und gelassen an – eine stille Einladung, auch mal innezuhalten, durchzuatmen und den Moment zu genießen. Das melodische Klingen der Glocken vermischt sich mit dem Rauschen des Bergwinds zu einer natürlichen Sinfonie, die man so schnell nicht vergisst.